ARGENTINIEN 3.0 | VON WEST NACH OST

Da unser Camperleben mit dem neuen Jahr nun vorbei war, mussten wir uns wieder neu organisieren. Mit dem Rucksack zu reisen ist doch ein riesiger Unterschied, die Flexibilität und Selbstständigkeit, die man mit einem Fahrzeug hat, bietet schon gewisse Vorteile. So hieß es für uns jetzt wieder von Stadt zu Stadt mit Sack und Pack, das Gepäck herumschleifen, Hostels und Busse reservieren und in Bahnhofshallen auf ebendiese warten.

20200104_211443

Städtetrip Teil 1 – Mendoza

Mit dem Nachtbus fuhren wir in der „Semicama“-Klasse, also im „Halbbett“ alias zurückklappbarer Sitz, problemfrei über die Grenze nach Mendoza in Argentinien. Da wir bei unserem ersten Besuch die Stadt nur kurz besucht hatten, verbrachten wir ein paar Tage in einem Hostel im Zentrum, um noch einen besseren Eindruck von Mendoza zu bekommen. Wir gingen auf Märkte, flanierten in der Stadt herum, genossen den köstlichen Wein dieser weltberühmten Weingegend und machten leider auch, wieder ein Mal, mit unseren altbekannten Bettwanzen Bekanntschaft 🙂 Mittlerweile sind wir sie schon fast gewöhnt, es ist das vierte Mal, dass wir auf unseren Reisen auf diese lästigen Gesellen stießen. Das muss man wohl in Kauf nehmen, wenn man  viel unterwegs ist.

Städtetrip Teil 2 – Córdoba

Unsere weitere Reise führte uns in die in Österreich wohl bekannteste Stadt Argentiniens, nämlich nach Córdoba. Auch diesmal nahmen wir wieder den Nachtbus, der eigentlich ziemlich bequem ist. Nicht mal das Gepäck muss man in Argentinien selbst verladen, für ein kleines Trinkgeld ist hier immer jemand zur Stelle.

Nach unserem Bettwanzen-Hostel hofften wir dieses Mal mehr Glück zu haben, buchten wir doch wieder ein sehr billiges Zimmer. Wie sich herausstellen sollte, hatten wir dieses auch. Abgesehen von der sehr dreckigen Küche und dem Bett, das einen in der Früh als U aufstehen ließ, bestach das Hostelzimmer mit seinem Balkon direkt im Zentrum, wo wir stundenlang dem bunten Treiben der Stadt zusahen.

20200109_202426

Was uns in Córdoba und auch in anderen Teilen Argentiniens überraschte, war die Armut, die einem ständig vor Augen geführt wird. Den ganzen Tag über kommen immer wieder Menschen, die um Geld fragen, einem Socken oder Kaugummis verkaufen wollen oder sonst irgendwie versuchen, über die Runden zu kommen. Zum Beispiel in dem sie Karton einsammeln, die Mülltonnen nach Kostbarem oder Essen durchwühlen oder für ein paar Pesos die Autos auf der Straße beim Einparken einweisen. Und das im Kontrast zu der modernen Stadt Córdoba, wo die Gebäude pompös wirken, große Kathedralen und neue Geschäftsgebäude das Stadtbild zieren.

Wir verbrachten unsere Zeit in der Stadt mit dem Besuch des riesigen Stadtparks, dem Herumschlendern im Künstlertreffpunkt „Paseo del Buen Pastor“, mit Ausflügen in das geschäftige Zentrum mit seinen Restaurants und Cafes und mit einem Zoobesuch, wo wir Tiere aller Art beobachten durften, die allerdings in ziemlich kleinen Gehegen eingesperrt sind. Unter anderem der in freier Natur ausgestorbene weiße Tiger. In der Nähe unseres Zimmers fanden wir auch noch ein Museum, das mit allerhand Ausstellungsstücken aus ganz Amerika ausgestattet war. So wurde zum Beispiel ein Mini-Masken-Kasten aus Bolivien und eine wunderschön geschnitzte Holzkiste aus Honduras ausgestellt.

Ein Highlight unseres Abstechers nach Córdoba war das Treffen mit unseren alten Freunden Sergio und Anastasia, die wir bei unserem Kumpel Alex in Everett, Washington State, kennengelernt haben. Wir vereinbarten sie zu besuchen, wenn wir in Córdoba sind und wie es der Zufall wollte, waren sie gerade zu Hause und hatten Zeit. So fuhren sie mit uns zum Stadion, wo Österreichs Fußballmannschaft 1978 der letzte Sieg in einem offiziellen Bewerb gegen Deutschland gelang – lange ist es her! Unser Freund Sergio war damals sogar im Stadion und hat mit seinen 8 Jahren das Spiel angeschaut. Die Argentinier erinnern sich nicht allzu gerne an diese Zeit zurück, war es doch die dunkle Epoche der Diktatur, in die auch der Krieg um die Falkland-Inseln (Islas Malvinas) fällt. Übrigens erkennt Argentinien die Souveränität Großbritanniens bis heute nicht an, was man an den entsprechenden Schildern, die überall im Land herum stehen, deutlich erkennen kann. Aber das nur am Rande. Wir genossen den Abend mit den Beiden ausführlich, gingen gemeinsam mit ihnen Schlemmern und tauschten Reisegeschichten- und Erfahrungen aus. Was für ein gelungener Abend, wir werden uns bestimmt wieder treffen.

Städtetrip Teil 3 – Buenos Aires

Der nächste Trip führte uns zuerst nach Cañada de Gomez, einer Kleinstadt kurz vor Rosario. Am Strand in Valparaíso, Chile, lernten wir nämlich Ricci und Florie kennen, mit denen wir lustige Abende verbrachten und sie uns daraufhin zu sich nach Hause einluden. So cool die Argentinier, unglaublich gastfreundlich! Am Weg dorthin sahen wir zuerst einen Unfall auf der Autobahn, der aber wohl glimpflich verlaufen ist.

20200111_113238

Kurz vor der Ankunft passierte dann wieder etwas, was wohl nur in Lateinamerika passiert – dem Bus ging der Sprit aus und wir mussten daraufhin eineinhalb Stunden warten, bis jemand vorbei kam und den Bus betankte 🙂

20200111_154217

Irgendwie witzig. Schlussendlich schafften wir es zu unseren Kumpels und verbrachten einen supercoolen Abend zusammen. Sie luden uns zu ihrer Familie ein, wir genossen den Pool, unterhielten uns über Gott und die Welt und wurden wieder einmal auf einen argentinischen Grillabend eingeladen. Die Esskultur, die hier gepflegt wird, gefällt uns wirklich gut. Wird etwa ein Stück Fleisch vom Grill genommen, weil es fertig ist, bekommt das nicht einer, sondern es wird aufgeschnitten und jeder bekommt ein Stück. Dasselbe mit dem Bier. Man macht eines auf und teilt es mit allen, die was davon wollen.

Wir verabschiedeten uns am nächsten Morgen und fuhren weiter in die Hauptstadt, nach Buenos Aires. Diese Megacity mit 7 Millionen Einwohnern überraschte uns doch einigermaßen, so eine moderne Metropole hatten wir nicht erwartet. Das Zentrum mit seinen pompösen Gebäuden, die Parkanlagen und die Infrastruktur mit seinen Metros und Bussen erinnert eher an New York als an eine lateinamerikanische Stadt.

Wir besuchten einen der berühmten Friedhöfe von Buenos Aires, den Cementerio de la Chacarita. Hier sind die wohlhabenderen und bekannteren Persönlichkeiten des Landes untergebracht, was man an der Größe des Friedhofs und den Mausoleen unschwer erkennen kann.

Einen Abstecher machten wir nach La Boca, der Heimat des berühmten Fußballclubs „Bocas Juniors“. Dieses Team trägt gegen seinen Stadtrivalen „River Plate“ den „Classico“ von Südamerika aus. Das Viertel beheimatet auch den„Caminito“, ein buntes Viertel mit Märkten, bemalten Häusern, Restaurants und Bars, wo überall der argentinische Tango getanzt wird.

20200116_131833

Eine geniale Begegnung fand in La Boca statt. Zufällig (!) trafen wir unseren alten Kumpel Sebastian aus Bucaramanga, Kolumbien, den wir in Copacabana in Bolivien kennengelernt haben. Das muss man sich mal vorstellen, in so einer riesen Stadt, zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Wir zogen den ganzen restlichen Tag zusammen herum und saßen noch bis lange in die Nacht zusammen. Und wir werden uns in Brasilien wahrscheinlich wieder treffen. Wie klein doch die Welt sein kann 🙂

Zurück aufs Land – Workaway in Punta Indio 

Weil wir von unseren Freunden Tanja und Gerald mitgekriegt haben, dass sie auf ihrer Reise Workaway gemacht haben, dachten wir uns, wir wollen das auch mal ausprobieren. Workaway ist eine Internetplattform, die arbeitssuchende Reisende mit Arbeitgebern verknüpft. So kann man etwa auf Farmen arbeiten, bei Bauten mithelfen oder wie wir sich um den Garten und ums Haus kümmern und erhält dafür kostenfrei Unterkunft und Essen. Unsere Wahl fiel auf Punta Indio, einem 900-Einwohner-Dorf ungefähr 3 Stunden südlich von Buenos Aires. Wir sind von Ezequiel, seinem Sohn Alejandro, seinem Bruder Mario und seinem Vater eingeladen worden, auf ihrem Grundstück mitzuhelfen. Die Familie hat einen riesigen Garten mit vier Cabañas und zwei Wohnungen, wo über den Sommer immer Gäste da sind. Wir kümmerten uns um die Entfernung des Laubs, machten den Garten, bauten einen Zaun aus Caña (das dem Bambus sehr ähnlich ist) und halfen im Haus mit.

Die Nachmittage verbrachten wir meist mit chillen und paschen. Ein Traum der Garten, überall waren Vögel zu hören und sehen, das Wetter war perfekt. Wenn wir nicht gerade im Garten arbeiteten, gab es meistens was in der Küche zu tun. Die Essen, die uns hier aufgetischt wurden, waren ein Wahnsinn. Oft kam auch der Nachbar vorbei zum Kochen und wir aßen dann gemeinsam im Garten zu Mittag. Die Essenszeiten sind hier sehr anders verteilt. Mittagessen gibt es so um eins bis zwei und Abendessen so um zehn in der Nacht. Und die Argentinier sind Fleischtiger, eigentlich gab es immer zwei Mal pro Tag Fleisch. Das Essen, das wir beisteuerten, Gulasch mit Knödel, kam dementsprechend gut an 🙂

Einen Ausflug machten wir mit Ezequiel zum „Radio Communitario Punta Indio“, wo wir mit Leo eine eineinhalb-stündige Sendung über Österreich und unsere Reise durch Amerika aufnahmen. Das war vielleicht ein Spaß!

Am nächsten und übernächsten Tag sprachen uns auch gleich Leute aus dem Dorf an, die die Sendung gehört hatten. Ezequiel nahm uns auch noch mit zum Strand bzw. zum Ufer des „Rio de la Plata“, der sich hier mit dem Meer mischt. Hoch im Kurs steht hier das Kite-Surfen, die Winde sind optimal.

Wir verbrachten knappe zehn Tage in Punta Indio und gewannen dabei gute Freunde. Die Ruhe und Natur in Punta Indio sind einzigartig und so konnten wir unter besten Bedingungen unser Spanisch verbessern, oder eigentlich muss man es Castellano nennen, da es ja doch einige Unterschiede gibt. Workaway ist jedenfalls echt eine coole Sache, wenn man ein bisschen mehr Einblick in das Leben der Menschen gewinnen will. Wir können uns sehr gut vorstellen, das wieder zu machen. Ein sehr gelungener Abschluss für Argentinien, denn nun gings weiter nach Uruguay… [Christian, 26.01.2020]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s