CHILE | LAND IM WANDEL

Die seit 1810 unabhängige „República de Chile“ beheimatet ungefähr 17,5 Millionen Einwohner, die sich auf einer Fläche von 756.000 km² verteilen. Die Landfläche erstreckt sich vom äußersten Süden Amerikas bis hinauf nach Peru, das neben Bolivien und Argentinien das einzige Nachbarland ist. Aufgrund der enormen Nord-Süd-Erstreckung des Landes ist sein Klima äußerst abwechslungsreich, vom trockenen, ariden Norden bis zum regenreichen Süden in Patagonien ist alles vorhanden. Die berühmtesten Orte des Landes sind die Wüste San Pedro de Atacama, die direkt an die Salar de Uyuni vom bolivianischen Hochland anschließt und eine der größten Kupferminen der Welt beheimatet, die Hauptstadt Santiago de Chile und die in der Nähe befindliche Küstenstadt Valparaíso, die Isla Chiloé, die Carretera Austral, die sich von Puerto Montt aus in den Süden schlängelt, der Nationalpark Torres del Paine und Puerto Natales sowie die im tiefen Süden liegende Stadt Punta Arenas.

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Die Geschichte Chiles ist so turbulent wie die jedes anderen Landes in Südamerika, vom Freiheitskampf bis zur demokratischen Republik war es ein langer Weg. Der Gipfel der Niedertracht war die Militärdiktatur (1973-1988) unter General Pinochet, der seine Bevölkerung tötete, folterte und unterdrückte. Schlussendlich konnte sich das Land aus den Klauen der Mörder (interessant hier auch die Geschichte der „Colonia Dignidad“) befreien und zu dem modernen Staat werden, der er heute ist.

Bezahlt wird in Chile mit dem chilenischen Peso, der aktuell mit 856 zu einem Euro umgerechnet wird. Chiles Wirtschaft galt unter den westlichen Ländern lange als Vorzeigemodel Das durch sein Wachstum und seine Stabilität gerühmte Land wird von sieben Familien gesteuert, die den Großteil des Reichtums unter sich aufteilen. Daraus resultiert ein enormes soziales Gefälle, wo neben einer sehr reichen Bevölkerungsschicht ein riesiger Teil an der Armutsgrenze oder darunter lebt. Dass es vor kurzem zu schweren sozialen Unruhen kam, ist für Beobachter keine Überraschung. Für uns sollten sich die Auswirkungen der Ausschreitungen das erste Mal in Puerto Montt zeigen, wo außerhalb der Geschäftszeiten jedes Gebäude mit Stahl- und Holzverstärkungen verriegelt wird (wie auch in jeder anderen größeren Stadt Chiles). Viele Fenster sind eingeschlagen, Farbbomben-Abdrücke sind auf jedem Gebäude zu finden. Da wir an einem Sonntag ankamen, wirkte die Stadt wie ausgestorben, was sich am nächsten Tag aber komplett wandelte, als das geschäftige Treiben allerorts zu vernehmen war.

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Chiles Süden – Isla Chiloé

Von der ganzen Situation sollten wir uns aber verabschieden, denn unser erstes Ziel, die Isla Chiloé, liegt im ruhigen, nur wenig besiedelten Süden des Landes, wo vom Ausnahmezustand nichts zu spüren ist.

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Die Isla Chiloé ist ein immergrünes Paradies, das durch eigenständige Kultur und Natur besticht. So finden sich hier etwa die historischen, zu 100% aus Holz gebauten Holzkirchen,  die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.

Auf Chiloé wird auch ein einzigartiger Hexenkult gelebt. Die sogenannten „Brujas“ befinden sich in vielen der zahlreichen Höhlen der Insel, die Geschichten um die Hexen fanden Einzug in die Poesie und Literatur des Landes. Zudem beheimatet Chiloé eine traumhafte Flora und Fauna, die sich allerorts zeigt. Weil wir hier unsere ersten Pinguine zu Gesicht bekommen wollten, steuerten wir einen Campspot im nördlichen Westen der Insel an. Was uns dort erwartete, übertraf unsere Vorstellung bei Weitem. Auf einem Hügel direkt am Meer stellten wir unseren Duck Camper ab und überblickten die traumhaften Weiten des Pazifiks.

Direkt vom Parkplatz aus führten zwei Wege zu Aussichtsplattformen und zu den magischen Stränden der Insel. Ein Traum kann ich euch sagen, dieses satte Grün direkt am Meer, mit spannenden Pflanzen und wunderschönen Ausblicken!

Die Wanderungen zu den verschiedenen Strandabschnitten und Aussichtsplattformen waren ein Hochgenuss. Mehrmals wanderten wir in der Gegend umher, genossen das Ambiente und die traumhaften Sonnenuntergänge.

Dass das Wetter hier auch anders kann, sollte sich am zweiten Tag unseres Aufenthalts zeigen. Schon ein Wahnsinn, was das Wetter ausmacht, so wirkt bei Bewölkung und Regen alles so anders.

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Von hier aus besuchten wir einen in der Nähe gelegenen Strand, von wo aus Pinguin-Touren angeboten werden. Schon der Weg dorthin war eine Augenweide, mit Schotterstraßen durchs Grün und schönen Ausblicken aufs Meer.

Wir buchten uns einen Platz und fuhren zu den verschiedenen Inseln, wo wir die netten kleinen Watschel-Tiere einfangen durften, als Foto mit der Kamera natürlich 🙂

Der nächste Campspot, den wir anfuhren, lag an der Westküste im Zentrum des Landes. Der Nationalpark Chiloé wird wohl als Highlight in unsere Reise-Memoiren eingehen, wir fanden hier einen Übernachtungsplatz der Extraklasse. Direkt am See gelegen, keinen Kilometer vom Meer entfernt, auf einer Farm zwischen Schafen und Rindern. Es war nicht das erste Mal, dass wir uns an Irland erinnert fühlten.

Wanderwege in alle Richtungen, die durch das Grün der Insel führen und Aussichtspunkte oder das Meer zum Ziel haben, kann man sich nicht entgehen lassen. Einzigartig die Kulisse hier, wir genossen wirklich jede Sekunde unseres Aufenthaltes.

Im Nationalpark Chiloé sind die 12 Apostel Chiles (zumindest werden sie auf iOverlander so beschrieben 🙂 ) zu finden, deren Besuch sich sehr lohnt. Hier kann man nicht nur die Wanderung genießen, sondern auch Seelöwen, Kuhherden, die den Meerblick bestaunen sowie allerhand Vögel beobachten.

Das war vielleicht eine traumhafte Zeit auf Isla Chiloé, wir genossen die letzten Züge des Overlanderlebens sehr. Zum Glück war es noch nicht ganz vorbei und so nahmen wir die Autofähre von Quellón zurück zum Festland in Richtung Chaitén, gelegen an der Carretera Austral. Die Fährfahrten in Chile sind immer recht angenehm, große Salons mit angenehmen Stühlen und einer Cafeteria versüßen einem die Überfahrten, die man immer wieder machen muss, wenn man auf der Carretera Austral unterwegs ist. Das Be- und Entlanden der Schiffe erfolgt schnell und professionell, das Einzige, um was man sich sorgen muss, ist die Reservierung, die man zur Hauptreisezeit einige Tage vorher machen sollte.

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Chiles Süden – Carretera Austral

Nach der Nacht auf dem Schiff wurden wir bei Tagesanbruch geweckt und durften die patagonischen Berge Chiles bei aufgehender Sonne bestaunen. Welch Anblick, die Berge, zum Teil schneebedeckt, die direkt ins Meer abfallen. In Chaitén besorgten wir uns unsere Vorräte für Weihnachten, das wir dieses Jahr wieder am Pazifik verbringen durften. Wie letztes Jahr in México standen wir am Strand an einem Traumspot sondergleichen. Menschenleerer, schwarzer Sandstrand, bunte Wälder am Ufer und das Ganze mit Hügeln und Bergen garniert. Dazu noch Seelöwen und Delfine im Wasser, denen man beim Spielen zuschauen kann. Besser geht´s nicht!

Auch hier genossen wir wieder aktiv jeden Augenblick, es war so lässig am Strand, dass wir sogar die Wanderung zum Vulkan Chaitén (der übrigens 2008 plötzlich ausgebrochen ist, ohne das jemand vorher wusste, dass es ein Vulkan ist) ausließen. Dafür genossen wir bei strömendem Regen die heißen Quellen, die es hier überall gibt.

Der Regen im patagonischen Teil Chiles kann richtig stark sein. Die Wolken, die vom Meer kommend in Richtung Osten drängen, bleiben an den Bergen hängen und regnen deshalb hier ab. Der Name Chaitén kommt von den Ureinwohnern Patagoniens, den Mapuche, und bedeutet so viel wi „Ort wo der Regen niederfällt“. Da weiß man schon, was einen hier erwarten kann. Uns wurde er eindrücklich vor Augen geführt, nämlich in Form von Tropfen, die bei Nacht plötzlich an unserem kleinen Dachfenster anfingen herunter zu prasseln. Na servas, und das kurz vor dem Verkauf. Nachdem ich in Boxershorts, um 22:00 Uhr bei Starkregen auf das Dach geklettert war und das Dachfenster von oben mit meiner Regenjacke abgedeckt hatte, hörte es zum Glück auf zu tropfen. Nach der morgendlichen Problemsuche stellte sich heraus, dass der Rahmen des Dachfensters gebrochen war und das Wasser dort hereinkam. Zum Glück nix schlimmeres, so konnten wir eine Rolle vom Abdeckband kaufen, das die Dachdecker zum Flämmen verwenden, und das ganze schnell und einfach reparieren – hält übrigens bis heute 🙂 Man mag sich einen echten Wasserschaden im Camper gar nicht vorstellen, wenn sich das Dach vollsaugt und es aus der Decke tropft (ich kenne welche, denen das passiert ist, nicht lustig!).

Da wir unseren Camper bald verkauften, mussten wir wieder in den Norden. Auch wenn wir die Schotterpiste Carretera Austral gerne noch weiter runter gefahren wären, aber man kann einfach nicht alles sehen. So fuhren wir nach Norden, was nicht weniger schön ist. Man fährt durch sattes Grün, Wälder links und rechts, vorbei an Küstenstraßen und Bergen. Immer wieder muss man auf die Fähre umsteigen, von wo aus man die Traumkulisse einsaugen und Vögel wie den pazifischen Pelikan beobachten kann. Ich könnte ewig schwärmen, einfach genial!

Wiedersehen in El Tabo

Die restliche Strecke brachten wir dann relativ schnell hinter uns, an einem Tag fuhren wir über 800 Kilometer und übernachteten dabei wieder Mal auf der Copec Tankstelle, wo man gratis schlafen und für einen Euro die Duschen benutzen kann.

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Die Tage vor Silvester verbrachten wir bei unseren Freunden Ricardo und Noelia in El Tabo, die uns zu sich nach Hause einluden. Wir lernten sie in Guatemala kennen und machten dort aus, dass wir sie in Chile besuchen. Richtig schöne Tage waren das mit unseren Amigos, die sich mittlerweile über Nachwuchs erfreuen – Gratulation nochmal, es wurde ein Nahuel Ricardo 🙂

Da wir schon ewig mit dem ABS-Warnlicht herumfuhren, halfen uns die Beiden auch noch, das Problem zu beheben, bevor wir das Auto verkauften. Der linke, vordere Sensor war es, zum Glück gibt es in Santiago eine General Motors Fabrik, die den alten Sensor unseres Silverados auf Lager hatte!

Silvester in Valparaiso

Silvester verbrachten in Valparaíso, der berühmten Hafenmetropole von Chile. Unser Auto ließen wir in der Laguna Verde stehen, einem Strand unweit der Stadt. Das Fest war lässig, wenn auch die Stimmung generell ein wenig gedrückt war. Wegen der Unruhen kamen auch nicht so viele Leute zum Feiern, was man auch verstehen muss. Das Feuerwerk, das jedes Jahr am Strand stattfindet, war jedenfalls spektakulär, wenn auch lebensverkürzend – selten haben wir so verpestete Luft geatmet. Da der Himmel vom ganzen Rauch bedeckt war, beleuchteten die Raketen den Nachthimmel abwechselnd in Rot, Grün, Blau, Gelb oder Weiß – und das oft taghell! So was hatten wir auch noch nie gesehen.

Danach fanden wir nach langem hin- und her noch eine feine, kleine Party in einem Club am Hafen. Die Luft war drinnen besser als draußen 🙂

Weil uns blöderweise das Geld ausging machten wir uns um fünf Uhr in der Früh zu Fuß zurück zum Hostel auf und stießen dabei auf halbem Wege auf Unruhen. Leute schossen Raketen und warfen Pflastersteine auf die Polizei, die in ihren gepanzerten Fahrzeugen ausharrte. Das Ganze mussten wir großräumig umgehen, was gar nicht so leicht war. Wir fanden einen Bus, der uns mitnahm, aber sogar dieser wurde mit Steinen beworfen. Aber war alles  halb so schlimm, wir schafften es vorbei und schließlich ins Hostel.

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Die letzten Tage unseres Camperlebens verbrachten wir damit, alles auszuräumen und zu putzen, was eine echte Aufgabe war. Es dauerte zwei Tage, Staub in jeder Ritze machte das ganze arbeitsintensiv. Auch der Motorraum und das Auto bedurften einer Wäsche, man will ja schließlich ordentlich übergeben. Zwei Drittel von unserer Kleidung und Ausrüstung mussten wir leider zurück lassen, und das obwohl wir das Maximum an Gepäck dabeihaben. Tja, es staut sich einiges an in so einem Häuschen 🙂

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Und dann war es wirklich so weit – Autoübergabe in Santiago. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge überreichten wir unseren Duck Camper an die neuen Besitzer Hannah und Dylan, ein kalifornisches Paar in unserem Alter. Wir wünschen ihnen mit unserem Häuschen viel Spaß und gute Zeiten, die sie sicher haben werden :-/

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Nun also wieder mit Rucksack, die erste Busfahrt stand uns bevor. Und diese führte uns zurück nach Mendoza in Argentinien … [Christian 23.01.2020]


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