TORRES DEL PAINE | O-TREK

Dass der O-Trek in Torres del Paine einer der bekanntesten und begehrtesten Trekks überhaupt sei, erfuhren wir von einem anderen Reisenden in Sucre. Dieser, sei so nebenbei erwähnt, hatte Patagonien zuvor im Winter bereist  – mit seinem T1, aber ohne Heizung. Harter Hund. In Ushuaia, am südlichsten Punkt Argentiniens, wo man der Antarktis nicht näher sein könnte, campte er zwei Wochen lang mit Gleichgesinnten – diese ebenfalls im T1 – auch ohne Heizung. Was sie jedoch insofern recht pragmatisch lösten, als dass sie in ihrem Bus ein Holzfeuer anzündeten und dort bei geöffneten Fenstern alle zusammensaßen. Blöd, dass die Fenster so abends manchmal zufroren und sich über Nacht nicht mehr schließen ließen. Ich wiederhole: harter Hund 🙂

Da wir den Nationalpark Torres del Paine Ende November und somit im Spätfrühling besuchen würden, sollten uns solche Wetterkapriolen hoffentlich erspart bleiben, wobei man das in Patagonien nie wissen kann. Da können sich die vier Jahreszeiten gerne mal innerhalb einer Stunde zeigen, von schwitzen im T-Shirt zu frieren trotz Schal und Mütze ist man stets nur eine Wolke und Windböe entfernt.

Der O-Trek – 117 Kilometer rund um den Torres del Paine

Der O-Trek führt in den hinteren Teil des Nationalparks Torres del Paine in Chile. Je nachdem, wie man sich die Etappen zusammenstückelt, kann man die 117 km in 6 bis 10 Tagen erwandern.

Wann, wie, wohin – und was darf mit?

Das Trekking vorzubereiten ist eine ziemliche Aufgabe. Da die Personenanzahl begrenzt ist, muss man schon früh reservieren. Dass die einzelnen Campingplätze zu drei verschiedenen Organisationen gehören und teilweise schon Monate vorher ausgebucht sind, macht das ganze noch ein bisschen kurzweiliger. Hat man die einzelnen Teiletappen geplant und gebucht, kommt die Frage, was man zu essen mitnehmen möchte. Für uns, die wir keine Refugios, sonder nur Campgorunds ohne Verpflegung gebucht hatten, war das schon ziemlich eine Herausforderung, hier die Balance zu finden aus ausreichend Versorgung mit Essen und Wasser und den ohnehin schon schweren Rucksäcken mit Zelt, Campinggear und Klamotten für alle Wetterlagen.

Wir planten ursprünglich für sieben Tage, schlussendlich wurden es fünf, da wir den Tagestrip zu den „Torres“ wegen Schlechtwetters nicht machen konnten und die letzten zwei Tagesetappen ebenfalls wetterbedingt spontan unter einmal gelaufen sind.

Welch wunderbare Wanderung

Was man während dieser Wanderung alles zu sehen bekommt, ist schlicht unbeschreiblich, da reichen die Superlative nicht aus. Für uns war es eine absolut einzigartige Erfahrung, ein Highlight unserer Reise.

Bereits beim Hineinfahren in den Nationalpark bekommt man einen Vorgeschmack auf die wunderschönen Landschaften aus Bergen, Gletschern, Wiesen und Seen, die sich hier hinter jeder Ecke in neuer Ausgestaltung präsentieren.

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Besonders am Rande des Parks trifft man immer wieder mal auf die wunderbaren Guanacas, diese grazilen Verwandten der Lamas, die uns auf der Reise durch Patagonien vielerorts begleitet und unterhalten haben.

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Tag 1 | Wald-Matsch-Challenge 1.0

Visitor Center zum Campground Seron

Am ersten Tag gings in gemütlicher 4-Stunden-Etappe über Wiesen und Hügel durch Wälder hinein in die Tiefen des Parks.

Da es die letzten Wochen geregnet hatte und auch tagsüber immer wieder nieselte, waren große Teile des Weges ziemlich sumpfig, was gewisse Stellen zur Herausforderung machte, wollte man nicht mit den Schuhen tief im Matsch versinken. Diese Akrobatikeinlagen machten die erste Etappe ziemlich unterhaltsam.

Tag 2 | Wald-Matsch-Challenge 2.0

Campground Seron nach Dickson

Bei ähnlichem Wetter ging es am nächsten Tag weiter hinein in den Park, durch Täler vorbei an Seen und immer wieder durch überschwemmte und sumpfige Gebiete, die man manchmal barfuß bewältigen musste  – ganz schön frisch 🙂

Das Highlight der Etappe war der Blick auf den Campspot für diese Nacht  – Dickson Camp, am gleichnamigen Gletscher gelegen.

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Nachdem wir ja schon einige Wochen in Patagonien unterwegs waren, haben wir schon die ein oder andere Eisscholle bestaunt  – und dennoch ist dieser Anblick von so viel blau leuchtendem Eis, das da einfach so auf dem Wasser rumschwimmt, jedes Mal aufs Neue beeindruckend.

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Tag 3 | Perros Gletscher

Campground Dickson nach Campground Perros

Der Ranger hatte uns gewarnt, dass der erste Teil der Strecke nochmal so richtig matschig werden würde, doch dankenswerterweise blieb uns auf den ersten Stunden, die durch die Wälder führten, eine Fortsetzung der Mud Challenge der letzten Tage erspart. Und es zeigte sich plötzlich sogar die Sonne, die bleiben und uns die nächsten Tage ordentlich versüßen würde.

Als wir in höher gelegene Gebiete kamen, baute sich gegen Ende des Walks schlussendlich der Perros Gletscher vor uns auf.

Am Rand der vorgelagerten Lagune blieben wir lange sitzen und ließen uns von der atemberaubenden Kulisse einnehmen, hörten dem Knarzen und Grummeln der Eismassen zu und beobachteten, wie riesige Mengen an Eis wie Wasserfälle nach unten stürzten. Alleine die Geräuschkulisse: unbeschreiblich!

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Tag 4 | Über den Garner Pass zum Grey Gletscher

Los Perros Campground über Paso nach Grey Campground

Diese Teilstrecke würde die herausforderndste des Treks werden (glaubten wir in dem Zeitpunkt jedenfalls noch). Zuerst ist ein schneebedeckter Pass zu überqueren, danach gehts steil abwärts zum Campspot El Paso. Diesen haben wir allerdings übersprungen, was für uns eine weitere 12-Kilometer-Etappe am selben Tag bedeutete, im Hang bergauf, bergab am Gletscher entlang. Und ja, der Tag wurde lang, aber ein absolutes Highlight des gesamten Walks.

Der Aufstieg und die Überquerung des Passes bot wunderbare Ausblicke auf die bergige Landschaft. Das weiße Eis im grellen Kontrast zum Schwarz der Felsen und dem Tiefblau des Himmels – ein Wahnsinn bei dem schönen Wetter! Auch die Schneeverhältnisse waren optimal, die 20 Zentimeter Schneedecke war gerade hart genug, um nicht einzusinken  – zumindest meistens, und wenn, dann stand man nicht selten in einem sprudelnden kleinen Gletscherbächlein aus dahinschmelzenden Schnee.

Und auch der Ausblick auf die andere Seite des Passes ließ sich nicht lumpen  – so gar nicht. Da breitet sich der Grey Gletscher in unfassbaren Ausmaßen unter einem aus, Eis, so weit das Auge recht. Mit offenem Mund standen wir da, schauten zwischen den Eismassiven zur Rechten und dem gewaltigen Eismeer, das sich schlussendlich in den See zur Linken ergießt, umher und mehr als ein „boa, wie des ausschaut“ brachten wir oftmals nicht heraus.

Ein Wahnsinn einfach, diese Kulisse. Was soll man da noch sagen.

Nach einem langen Abstieg führte das Weglein bergauf, bergab am Gletscher und schließlich am See entlang – eine wirklich spannende und kurzweilige Wanderung mit kleineren Kletterpassagen, mehreren Hängebrücken und unglaublichen Ausblicken.

Auch die Wälder boten so ihre Überraschungen wie etwa so manches Gewächs, das wir noch nie gesehen hatten und allerhand Greifvögel, von denen man in Patagonien viele verschiedenste Vertreter trifft.

Wie zum Beispiel die Condore, von denen wir hier viele sehen durften. Einfach unglaublich, diesen mächtigen Tieren zuzuschauen, die beim Fliegen mit ihrer Flügelspannweite von bis zu 3 Metern irgendwie drachenartig anmuten.

Tag 5 | Lagunen-Gewaltmarsch deluxe

Campground Grey über Campground Paine Grande zum Visitor Centre

Bei der Etappe am nächsten Tag vom Grey Gletscher zum Campground Paine Grande und danach weiter bis zum Visitorcenter sollten wir uns die goldene Wandernadel verdienen, ließen wir doch spontan den geplanten Übernachtungsspot aus und nahmen die nächste Tagesetappe mit ihren rund 20 Kilometern gleich noch mit. So liefen wir 36 Kilometer an einem Tag, und sollten dabei tatsächlich jeden Meter genießen, dank der unwirklichen Kulisse, die sich uns bot. Auch wenn es schon ziemlich weit war, taten wir gut daran, direkt nach Hause bzw. zum Häuschen zu laufen, da für den nächsten Tag Starkregen angekündigt war. So konnten wir die gesamte Strecke bei bestem Wetter erleben, ohne uns gegen Wind und Wasser durchkämpfen zu müssen.

Die Seen und Lagunen leuchteten türkis vor sich hin und boten mit dem blauen Himmel, den Wolken, Bergen, Wäldern und allerhand blühenden Blumen ein Farbenspiel der Sonderklasse. So ging es stundenlang dahin, ein Staunen folgte dem Nächsten. So muss Wandern 🙂

Ein wirklich genialer letzter Tag. Nach etwa elf Stunden hatten wir das Visitor Center erreicht, wo wir dann erschöpft, aber überglücklich im werten Häuschen einkehrten. Snickers schmeckte noch nie besser.

Als es am nächsten Morgen wie aus Kübeln schüttete, waren wir schon sehr froh, nicht mehr am Trail zu sein und machten uns frühmorgens auf den Weg raus aus dem Park wieder retour nach Argentinien – nicht ohne eine Trauerminute einzulegen für all jene, die auf dem Walk unterwegs waren und sich mit Schlamm, Wind und der gesamten Palette patagonischer Wetterkapriolen herumschlagen mussten. [Nadja, 16.1.2020]


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