PATAGONIEN | AUF DEN SPUREN FERDINAND MAGELLANS

Jetzt war es wirklich so weit. Ein Traum sollte sich erfüllen – der Besuch Patagoniens. Schon so viel hat man von dieser Gegend gehört, so viele Dokumentationen gesehen und Geschichten gelesen. Nun waren wir fast da, im Traumland des Südens, das viel weiter in den Süden reicht, als jede andere Erdfläche der Welt, eigentlich fast bis zur Antarktis. Doch bevor es so weit sein sollte, mussten wir noch einiges an Kilometern zurücklegen. Die Größe Argentiniens ist für mich als Europäer und obwohl ich schon die Weiten  Australiens oder Nordamerikas kenne, einfach atemberaubend. Die „Ruta 40“, die wir fast vollständig befahren sollten, hat eine Nord-Süd-Erstreckung von 5301 Kilometern! Bevor wir also nach Patagonien fahren sollten, mussten wir noch 1300 Kilometer weiter in den Süden.

P1330594

Ungeplanter Stopp in San Rafael

Der Weg führte uns in die südlichste, letzte große Weinhochburg Zentralargentiniens, nach San Rafael. Dort stockten wir noch schnell unsere Vorräte auf und wollten ins nahe gelegene „Valle Grande“. Allerdings kam uns etwas dazwischen, ein kleiner Unfall nämlich. In Argentinien gilt wie in Österreich die Rechtsregel, wenn keine Schilder etwas anderes anzeigen. Dass die Argentinier manche Straßen aber als Vorrangstraße benutzen (wofür es übrigens keine Beschilderung gibt), obwohl eigentlich die Rechtsregel gilt und das sozusagen „common sense“ ist, macht das Fahren in Städten ziemlich unangenehm. Das bekamen wir dann auch gleich zu spüren. Als ich über eine Kreuzung wollte und von rechts plötzlich ein Auto mit 50 km/h daherkam, war es schon zu spät. Ich verriss das Lenkrad noch nach links, bremste so gut es ging, konnte den Aufprall aber nicht mehr vermeiden. Unglaublich eigentlich die Folgen des Unfalls. Während unser Auto so gut wie gar nichts hatte, war ihre Kiste ein Totalschaden!

Die betroffene Dame stand unter starkem Schock, blutete ein wenig am Arm wegen der Glassplitter und wurde dann von der Rettung abgeholt. Die Polizei war auch gleich da, alles wurde fotografiert und mir wurde gesagt, ich müsse zum Alkotest in die Klinik und danach zur Polizei. Diese wollte unser Auto abschleppen lassen, worauf ich anbot, ihnen einfach zum Kommissariat nachzufahren, was sie mich auch ließen (obwohl ich den Alkotest noch vor mir hatte 🙂 ). Danach gings zur Klinik, wo ich meine Nüchternheit unter Beweis stellen durfte. Nachdem wir dann die Daten aufgenommen hatten, wurde uns vom Kommissar erlaubt, in der Stadt zu campen und am nächsten Tag zurückzukehren, um die Formalitäten abzuschließen.

20191030_095349

Direkt darauf fuhren wir zur Versicherung. Diese nahm die Daten auf und erklärte uns, dass alles erledigt wäre. Wir staunten, wie schnell und einfach das ging, und das obwohl wir keinen Unfallbericht ausfüllten, meine Schuld nicht einmal irgendwie hinterfragt wurde und das Unfallopfer die Ersatzkosten für Auto und verpasste Arbeitszeit einforderte.

Die Argentinier sind unglaublich nett und hilfsbereit. Beim Unfall wurde uns Hilfe von allen Seiten angeboten, der Mann des Unfallopfers beruhigte mich noch vor Ort und meinte kein Problem, nicht einen Anflug von Ärger, und Schadenersatz auf zivilrechtlichem Wege stand nie zur Debatte. Welch Glück im Unglück, was für ein lässiges Volk! Und unser Auto hatte bis auf ein paar Kratzer und Dellen, die wir dann später leicht reparieren lassen konnten, genau nichts. Es ist schwer zu beschreiben, aber das Glück auf Reisen ist sogar im Unglück unser ständiger Begleiter 🙂

Valle Grande – Stauseen, Flüsse, Felsen

So gings also schon am nächsten Tag weiter durch das bunte „Valle Grande“, ein beliebtes Touristenziel in der Region um San Rafael. Das Tal besticht vor allem durch seine bunten Felsen, die Seen, die darin eingebettet sind und seine abenteuerliche Schotterstraße. Netter Zwischenstopp auf dem Weg in den Süden!

Folgt man der „Ruta 40“, weiter in den Süden, kommt man durch Malargüe, das durch seine Sternwarten und das Observatorium, das wir uns natürlich anschauten, bekannt ist. Am nächsten Tag passierten wir die erste Schotterpassage der „Ruta 40“. Die 100 Kilometer über den sogenannten „Ripio“ sind wirklich keine Freude, ein Gerumpel der Extraklasse, jeder Meter tut einem fast persönlich weh, wenn man darüber fährt. Und da das nicht immer schnell geht, dauert es lange. Mit viel Staub im Camper und Truck schafften wir es trotzdem und waren wirklich froh darüber, wieder auf Asphalt zu sein.

Patagonien – Wind, Regen und ewige Weiten

Auf unserer Reise durch Amerigo Vespuccis neue Welt (für Interessierte empfehle ich das Buch von Stefan Zweig: Amerigo – Die Geschichte eines historischen Irrtums) lernten wir einige Traveller kennen, die uns von Patagonien erzählten. Immer wieder hörten wir vom kalten Wetter, dem ewigen Regen und vor allem dem Wind. Schon Ferdinand Magellan, der Patagonien (das übersetzt soviel heißt wie „riesiger Fuß“) wohl als erster Europäer zu Gesicht bekam, berichtete von den Wetterkapriolen des Südens. Und das sollte sich bestätigen. Schon bei der Anfahrt zur berühmten „Ruta de los siete Lagos“, also dem Teilstück der „Ruta 40“, das an sieben Seen vorbeiführt, bekamen wir einen ersten Eindruck des patagonischen Windes. Dieser ist teilweise nicht nur sehr stark, sondern bläst einen mit seinen ständigen Böen manchmal fast von der Straße. Seit dem ersten Erlebnis navigieren wir mit der App „Windy“, die einen genialen Einblick in Wind und Wetter weltweit bietet. Diese App können wir jedem empfehlen, der sich dafür interessiert oder gerade in Patagonien ist. Wenn man mit einem Fahrzeug wie unserem unterwegs ist, sollte man das wirklich ernst nehmen und nur an Tagen mit weniger Wind fahren, denn einige Fahrzeuge sind schon umgeworfen worden, wie wir auch über Facebook mitbekamen, als ein Opfer eines solchen Unfalls die Fotos in der PanAm Gruppe postete.

P1330659

Ruta de los 7 Lagos – San Martin de Los Andes bis Bariloche

Den ersten Einblick in die Bergwelt Patagoniens bekommt man, wenn man San Martin de los Andes erreicht. Dieses kleine Städtchen, an einem See gelegen, bietet schon erste schöne Miradores (Viewpoints), die man auf Wanderwegen in der Gegend erreichen kann.

Bis man nach Bariloche kommt, dem nördlichen Touristenzentrum Patagoniens in Argentinien, reiht sich ein See an den nächsten. Überall kann man mit seinem Fahrzeug campen und die Landschaft genießen. Als wir dort waren, regnete es zeitweise und so mussten wir hier leider auf Spiegel-See-Optik verzichten. Schön war es allemal und auf dem Weg in den Süden ist diese Gegend auf jeden Fall einen Besuch wert.

Die Touristenhochburg Bariloche liegt an einem See und gilt als das Schitourismuszentrum in Südamerika. Sie bietet neben Wintersportaktivitäten auch einige Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten. So genossen wir die Schokoloade, die in Bariloche allerorts angeboten wird und wirklich köstlich schmeckt. Einmal gingen wir in einen Escape Room, das erste Mal im Leben. Geschafft haben wir es zwar nicht, aber Spaß gemacht hat es trotzdem. Zudem wanderten wir auf den „Cerro Otto“ und den „Cerro Campanario“, die traumhafte Ausblicke über den Norden Patagoniens bieten.

Nicht weit entfernt liegt die Colonia Suiza, die ihren Namen wohl nur teilweise verdient. Auch wenn vor 100 Jahren einmal drei Schweizer Familien hierher gezogen sind, so spürt man heute keinen echten Schweizer Einfluss mehr. Die Leute erzählen, sie hätten Groß- oder Urgroßeltern aus der Schweiz gehabt, das Dörfchen selbst ist aber ein reines Touristenspektakel und heute wohnen hauptsächlich Leute aus Buenos Aires dort. Schön ist es trotzdem, da in den Bergen und an einem See gelegen.

El Bolsón – Hippiedörfchen im grünen Tal

Etwas weiter südlich von Bariloche liegt El Bolsón, das vor einigen Jahrzehnten von europäischen und argentinischen Aussteigern und Hippies besiedelt wurde. Das merkt man heute, es sind viele alternative Leute, Freaks und Hippies in der Stadt. El Bolsón liegt nahe am Nationalpark „Los Alerces“, den wir später noch besuchen sollten. Diese Region besticht durch ihr mildes Klima, wo sogar Hopfen angebaut wird, was man an den vielen „Cervezerias“ auch sieht. Die selbstgemachten Biere, also „Cerveza Artesanal“, gibt es übrigens in ganz Argentinien und werden in jeder Stadt angeboten. Sie schmecken wirklich gut und mit dem aktuellen Wechselkurs sind sie auch sehr preiswert.

In El Bolsón fanden wir einen traumhaften Campspot im Grün, von wo aus wir unsere Ausflüge zum „Cerro Amigo“ und zum wesentlich höheren „Cerro Piltriquitron“ machten. Was für eine Wanderung! 11 Kilometer und 1800 Höhenmeter bis zum Gipfel und das alles dann wieder zurück.

20191111_202401

Da wir schon einiges gewandert sind war dieser Ausflug gar nicht mehr so anstrengend, was uns selber ein bisschen wunderte. Wir durchquerten Wälder, Schneefelder und Geröll, um den Gipfel zu erreichen.

Von oben wurden wir mit einem fantastischen Ausblick belohnt. Das grüne Tal lag unter uns und die schneebedeckten Berge Patagoniens vor uns.

Am Rückweg den Berg hinunter kehrten wir noch beim „Refugio“ ein, um uns eines der köstlichen Biere zu gönnen. Die „Refugios“ findet man in Argentinien auf vielen Bergen, sie sind unseren Almen sehr ähnlich, abgesehen vom Essen 🙂

Etwas unterhalb der Almhütte haben die Künstler der Gegend den „Bosque Tallado“, also den geschnitzten Wald, angelegt. Für kleines Geld kann man hier dutzende, geschnitzte Holzfiguren bewundern.

El Calafate – Riesiger Gletscher Perito Moreno

20191114_105729

Als wir einen windtechnisch günstigen Tag fanden, um uns weiter in den Süden vorzukämpfen, standen wir früh auf (die Tage sind hier sehr lange, die Sonne geht im Sommer so um 05:30 auf und um 21:30 unter, und sie werden länger, je weiter man in den Süden kommt). Denn wir wollten ungefähr 1000 Kilometer zurücklegen, was uns auch gelang. So verbrachten wir meinen Geburtstag am 12. November, wie im letzten Jahr schon in den USA, im Auto 🙂 Die Fahrt war trotz der kargen Landschaft (Patagonien ist nur im Westen Argentiniens grün, da wo die Anden sich emporheben) ziemlich abwechslungsreich. Wir stießen auf Flamingos, kleine Gürteltiere, Strauße und das überall anzufindende, gerne auch Straße überquerende, Guanaco, eine bestimmte Art des Lama, das es nur in Patagonien gibt.

Den Abend verbrachten wir 120 Kilometer vor Gobernador Gregores auf einer „Estancia“ (Farm/Schlafmöglichkeit im Nirgendwo) mit dem Gastgeber. Wir waren die einzigen Gäste und so tauschten wir uns über Land und Leute aus und erfuhren einiges über das Leben im argentinischen Patagonien, das wirklich hart sein kann. Man muss sich das vorstellen: es gibt keine Wälder, die Landschaft ist karg, das einzige Einkommen kommt aus der Tierzucht und ein wenig vom Tourismus. Die Winter sind lange und haben oft sehr viel Schnee, raus muss man trotzdem, um den Tieren die Wege frei zu räumen. Und das mit dem Pferd, versteht sich, denn die „Gauchos“ sind stolz auf ihre Tiere. Alles muss von ewig weit hergeschafft werden, zum Teil auch das Wasser. Die Dörfer sind klein und liegen oft mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt.  Was für ein Leben! Da ist uns das einmalige Durchfahren schon genug, nie könnten wir in so einer Einsamkeit (über)leben, so schön sie mit ihren Ebenen, Seen und Tieren auch ist.

Nach weiteren 72 Kilometern über Schotter erreichten wir am nächsten Tag El Calafate, die Touristenhochburg im Süden Patagoniens, die am mächtigen Lago Argentino gelegen ist. Touristisch ist sie deshalb, weil sich 50 Kilometer davon entfernt, in den Anden, ein riesiger Gletscher befindet, der sehr gut erschlossen ist.

„Perito Moreno“ ist sein Name, benannt nach einem Abenteurer, der diese Region für Argentinien erschlossen hat. Der Parkplatz ist keinen Kilometer vom Gletscher entfernt und die Ausblicke auf diesen sind atemberaubend. Er ergießt sich aus dem südpatagonischen Eisfeld, einer unfassbar großen Eisfläche, die über den Bergen dieser Region liegt (Das folgende Foto zeigt den Gletscher von oben, er ist nur einer von sehr vielen, gigantischen Gletschern, die sich aus dem patagonischen Eisschild in die umliegenden Täler ergießen).

P1330765

Das Eis des patagonischen Eisschildes fließt in alle Richtungen in die Täler ab, bevor es abbricht und im See als Eisscholle davon treibt. Der Gletscher „Perito Moreno“ ist einer der wenigen Gletscher der Welt, der keinerlei Eis verliert. Geschuldet ist das dem Mikroklima der Region, und so kann man heute noch die gewaltigen Ausmaße des Gletschers erblicken – er ist mehrere hundert Meter breit, an den Rändern hat das Eis eine Dicke (vom Seespiegel bis zum oberen Rand) von 40 Metern, im Zentrum ist er 70 Meter hoch. Die dickste Stelle misst über 800 Meter, im Zentrum einige Kilometer weiter oben. Unglaubliche Zahlen! Dass das Eis auch noch die ganze Zeit laute, knackende Geräusche von sich gibt und immer wieder Eisbrocken ins Wasser fallen, macht den Besuch noch aufregender. Wir waren schwer beeindruckt, so ein Eisfeld hatten wir bei Weitem noch nie gesehen, da kommen einem die Gletscher zuhause in Österreich wie Schneeflocken vor.

Die ersten tieferen Einblicke in das weltberühmte Patagonien beeindruckten uns schwer. Und es sollte noch besser werden. Denn für Ende November hatten wir die Campspots für einen fünf-tägigen Wandertrip in Torres del Paine, Chile, gebucht. So fuhren wir also zu unserem südlichsten Punkt in Südamerika.

Der Grenzübertritt war wirklich witzig, so eine Mini-Grenze in der Pampa hatten wir noch nie passiert. So wurde es auch der schnellste und einfachste Übertritt in unserer PanAm-Geschichte, nach 30 Minuten waren wir schon in Chile. Und hier erwartete uns ein Nationalpark der Extraklasse, ein Naturjuwel sondergleichen. Anders kann man es nicht beschreiben, aber mehr zu diesem Teil unserer fantastischen Reise gibt’s im nächsten Beitrag … [Christian, 22.12.2019]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s